Die Glocken von Oldendorp im Rheiderland

Eine Beschreibung des Dorfschullehrers Wiehert Dreesmann aus den 30er Jahren

Immer wieder ist ihr Klang mir lieb und vertraut, wenn sie am Samstag zu Mittag rufen und abends sechs Uhr den ersten Tag einer neuen Woche einläuten. Am Sonntagmorgen lässt eine Glocke um acht Uhr ihren ehernen Mund erschallen. Wir wissen dann nicht nur, dass heute Sonntag ist, nein, wir werfen auch einen Blick auf unsere Uhren. Ja, auf den abseits vom Dorf gelegenen Höfen stellt sich um die Zeit wohl jemand um die Hausecke; er muss Acht geben auf das Achtuhr-Läuten. Dann kann man im Hause die Wanduhr danach stellen und läuft nicht Gefahr, um dreiviertel neun bzw. halb acht Uhr den Gottesdienst zu verpassen.

Weht der Wind vom Dollart her, so trägt er uns schon eine Stunde früher, um sieben Uhr, den "Beier"-Ton der Turmglocke von Pogum zu. Um diese Zeit waltet dort der blinde Küster, der bekannte "blind Bernd", der sich übrigens auch auf Reparaturen von Wanduhren u. dergl. versteht, seines "hohen" Amtes, das er schon viele Jahre inne hat.

Uns Oldendorpern ist das Beiern, das übrigens nach einer bestimmten Melodie mit untergelegtem Text vorgenommen wird, deshalb so vertraut, weil eine große Anzahl von Familien unserer Gemeinde enge verwandtschaftliche Beziehungen mit Pogum unterhalten. (Die Beierworte lauten: Hund in't Tau; Hund in't Tau! Mester slöppt noch bi sin Frau!).

Doch in Oldendorp wird um sieben Uhr nicht "angeschlagen". Vielleicht hat man das hier in früheren Jahren getan. Denn unsere Dorfglocken sind schon ganz beträchtlich alt. Ihr hohes Alter hat sie auch vor der Beschlagnahme im Kriegsjahr 1917 bewahrt.

Am ältesten ist die in der Westseite des Turmes aufgehängte Glocke. Sie ist ohne jegliche Inschrift, aber mit einem rautenförmigen Bandmuster, das auch die Klangborde überzieht, verziert. Die Bandstreifen bestehen aus drei und vier, etwa 1 cm breiten Linien und stehen um ein Geringes vor der Glockenfläche vor. Die Haube fällt vom Kronenboden halbrund ab. Um den Hals legen sich vier Strickriehmchen, um die Klangborde ein Riemchen.

Der untere Durchmesser beträgt 0,90 m: die Höhe der Glocke ohne Krone etwa 0,73 m. Die Kronenohren sind im Querschnitt oval; eigentlich achteckig; zwei derselben sind abgebrochen und durch eiserne Bolzen ersetzt. Es ist anzunehmen, dass die Glocke früher einmal einen Absturz erlebt hat und dass dabei die schöne Krone zerbrach.

Herr Ministerialrat Rauchheld in Oldenburg, der kürzlich eine "Glockenkunde Ostfrieslands" in den Upstalsboomblättern der "Kunst" zu Emden verfasste, verlegt den Ursprung der alten Glocke in den Anfang des 14. Jahrhunderts. Dazu berechtigt ihn die Tatsache, dass sich Glocken mit ähnlichem Bandmuster auf dem Rathausturm zu Emden (1338), zu Detern (um 1300) und zu Grotegaste (1352) befinden. Die Deterner Glocke hat auch dieselbe Form wie unsere alte Glocke.

Die große alte Glocke ist steiler, d.h. die Mantelfläche ist nach der Klangborde zu nur wenig verbreitert; während die andere, die die Jahreszahl 1609 trägt, in der Linienführung des Mantels geschwungener geformt ist.

Die jüngere Glocke ist wie folgt zu beschreiben: Durchmesser 0,78 m; Höhe ohne Krone 0,63 m. Auf der Haube befindet sich in Großbuchstaben folgende dreizeilige Inschrift: l. "SIC DEUS DILEXIT MUNDUM, UT FILIUM SUUM UNI; DARET = O.O. (Zwischenraum von 29 cm mit unlesbarer Schrift; die u.a. nach Ansicht von Herrn Prof. Ritter-Emden ohne Zweifel den Vornamen des Predigers Udo van Doeseborch angab) DOESEBORCH". 2. "PASTOR. WIERT LODEWYCKS . HAYNG HAYNCKS KARCKVOOGDEN. JOHANN PETERS . HAPKO HIBENS." 3. "AO. 1609." Über den drei Zeilen zwei, drei und ein Riemchen, auf der Klangborde fünf und zwei Riemchen.

Es ist leider nicht bekannt, wer der Glockengießer unserer beiden Glocken gewesen ist.

In der Schulchronik steht zu lesen, dass die eine bei dem Guss einen Riss erhalten habe, denn sie gab beim Läuten einen schrillen Ton. Wurde sie aber mit einem Schlüssel oder mit dem Hammer angeschlagen, so war ihr Klang wundervoll weich.

Dieselbe Erscheinung zeigte sich auch bei der großen, der inschriftlosen Glocke. Ja ihr Klang war schöner als der Ton der Glocke von 1609. Die Ursache des Misstones musste also in dem Läuten zu suchen sein.

Gelegentlich eines Besuches einer Glockengießerfirma wurde festgestellt, dass beide Glocken derart in ihren Aufhängepunkten verrostet seien, dass das Läuten mit großer Lebensgefahr verbunden sei.

Herr Kirchmusikdirektor Onneken verklärte dabei, dass auch beide Klöppel besser eingehängt werden müssten. Herr Onneken sagte sehr treffend: "Der Klöppel bewegt sich in der Glocke äs 'n Släw in'd Bräpott". Anstatt nur in zwei Punkten die Klangborde anzuschlagen, schleifte der Klöppel daran entlang. Es ist ohne weiteres einleuchtend, dass infolgedessen kein reiner Ton zustande kam.

Der Kirchenrat der vereinigten Kirchengemeinde Oldendorp-Nendorp entschloss sich deshalb, Turm und Glocken einer gründlichen Reparatur zu unterziehen. Diese wurde vom Zimmermann Gerjet Kuiper hierselbst, der die Holzarbeiten erledigte, und von dem Landwirt Dirk Ulbertus, der sich als ein hervorragender Feinmechaniker der beiden Glocken annahm, recht gründlich vorgenommen.

Bei der Abnahme zeigte sich, dass die Glocken selbst beweglich an dem Jochholz hingen. Die Eisenteile waren total durchgerostet. Die große Glocke hat ein neues Joch erhalten, dessen Achse in Kugellagern ruht. In beiden Glocken wurden die Klöppel so aufgehängt, dass sie in beweglichen Lagern ruhen. Der neue Klöppel der großen Glocke wurde von Ulbertus selbst aus Eisen gedreht und zwar in runder Form, die durchaus modern ist, weil diese Form neuerdings bei dem Glockenguss Verwendung findet.

Der überaus feinen Arbeit unseres Ulbertus haben wir es zu danken, dass die beiden Glocken ihren bisherigen schrillen Ton verloren haben. Besonders die ältere lässt jetzt einen Klang vernehmen, der sehr weich ist und dem lauschenden Ohr angenehm gefällt.

Dirk Ulbertus kann man mit Fug und Recht als einen Feinmechaniker bezeichnen, trotzdem er Landwirt und bei seinem Bruder in Nendorp wohnhaft ist. Eine eigene Werkstatt, in der ein moderner Schweißapparat mit Sicherung, eine Kreissäge und vor allem eine moderne, mit allen Finessen der Technik ausgestattete Drehbank vorhanden sind, bildet seine Arbeitstätte, in der er zur Zeit der Ernte von morgens früh bis abends spät tätig ist. Ein selbst erbauter Motor liefert ihm die mechanische Kraft. Seine Berufsgenossen lassen ihre schadhaften Maschinen bei ihm ausbessern. Ja, es kommt nicht selten vor, dass eine Schmiedemeister aus der näheren und weiteren Umgebung, wenn seine Kunst zu Ende ist, zu Ulbertus geht, damit dieser ihm aus der Not heraus hilft.

Leider verfügt U. über ein sehr schlechtes Gehör, so dass man sich durch ein Hörrohr mit ihm verständigen kann. Sehr zu bedauern ist auch die Tatsache, dass ein solches, auf technischem Gebiet so praktisches Talent nicht wissenschaftlich ausgebildet worden ist. Zweifellos hätte die Technik durch U. bemerkenswerte Anregungen und Förderungen erfahren. Doch hat sich hier in der Stille auch eine Genie gebildet. Die außergewöhnlich technischen Fähigkeiten sind unserem U. auch angeboren.

Sein Urgroßvater R.E. Roelfzema in Nendorp, der auch Landwirt im Hauptberuf war, erhielt vom Gewerbe-Verein für das Königreich Hannover eine große bronzene Medaille. Roelfzema verfertigte Drehbänke, die er nach Dithmarschen hin verkaufte. Nicht nur von Ulbertus, sondern auch von anderer Seite wurde erzählt, dass R. sechs hölzerne Figuren herstellt, diese mit einem eigenartigen Mechanismus versah und sie im Winter dreschen ließ.

Im schönsten Takt seien sie über die Dreschdiele marschiert bis zum Scheunentor. Dort habe man sie umdrehen müssen; trotz eifrigen Nachdenkens sei R. die mechanische Kehrtwendung der hölzernen Drescher nicht gelungen. Man zeigte mir auch Schnupftabaksdosen, die von R. gedreht waren und die er mit eingeschnitzten Heiligenbildern versehen hatte. (...)

...zurück