Synodalverband V - Rheiderland
1 ) Lage und Größe

Zum Synodalverband Rheiderland gehören 20 evangelisch -reformierte Gemeinden. Das Rheiderland ist der westlichste Teil Ostfrieslands. Es wird im Osten von der Ems, im Norden von Dollart und Ems, im Westen von der Staatsgrenze zu den Niederlanden und im Süden durch das überwiegend katholische Emsland begrenzt. So ist das Rheiderland geographisch wie auch im Bewusstsein der Bevölkerung ein deutlich umgrenzter Raum. Kirchlich stellt dieser Raum ein fast geschlossenes Gebiet reformierter Gemeinden dar. Lediglich die Orte Bingum, Holtgaste und Pogum weisen seit der Reformation oder bald danach einen lutherischen Bekenntnisstand auf. In Weener und Bunde wurden nach dem zweiten Weltkrieg evangelisch - lutherische Gemeinden gegründet. Über das gesamte Gebiet erstrecken sich die katholische Gemeinde Weener und die evangelisch- altreformierte Gemeinde mit Sitz in Bunde. In Ditzumerverlaat, Wymeer und in Weener gibt es je eine evangelisch-freikirchliche Gemeinde (Baptisten).

2 ) Stichpunkte zu den Gemeinden im Rheiderland :

Gemeindegliederzahlen (Stand April 2002), Kirchen und Gebäude (Näheres in der Broschüre: Rheiderlands Kirchen - Entdeckungsreise zu Gotteshäusern aus acht Jahrhunderten im Westen Ostfrieslands, Risius KG, Weener 2000)

Böhmerwold:
Pfarrstelle mit Jemgum und Marienchor vereinigt
Gemeindeglieder: 66
Kirche von 1703
Orgel von 1818
Abendmahlsbecher von 1636
Brotteller von 1730

Bunde:
1 Pfarrstelle
Gemeindegliederzahl: 3207
Kirche von 1230 / 1280, große, einschiffig-kreuzförmige Anlage
Turm von 1840
Orgel von 1963 (Prospekt von 1793)
Kanzel 1720 eingebaut
Abendmahlsbecher von 1686
Messingkronleuchter von 1792
Kindergarten von 1972
Gemeindehaus von 1984
Haus der Diakonie von 1997

Critzum:
Pfarrstelle mit Hatzum und Klein - Midlum vereinigt
Gemeindegliederzahl: 165
Kirche aus dem 15. Jahrhundert
Orgel von 1853
Abendmahlsbecher von 1668

Ditzum:
Pfarrstelle mit Oldendorp-Nendorp vereinigt, Pfarrstellenauflage: Urlauberseelsorge
Gemeindeglieder: 569
Kirche aus dem frühen 13. Jahrhundert
Älteste Grabplatte von ca. 1200 ("Betende Frau")
Barocke Kanzel von 1684
Abendmahlstisch von 1660
Abendmahlsbecher von 1674
Pfarrhaus, ältester Teil 15. Jahrhundert
Leuchtturmartig gebauter Turm von 1846
Gemeindehaus von 1980
Leichenhalle von 2001
Besonderheit: von Ostern bis Oktober täglich offene Kirche

Ditzumerverlaat:
Pfarrstelle mit Landschaftspolder vereinigt
Gemeindeglieder: 794
Kirche von 1896
Abendmahlskelch um 1580,
übernommen aus der 1852 abgebrochenen Schlosskapelle in Aurich
Gemeindehaus 1977

Hatzum:
Pfarrstelle mit Critzum und Klein-Midlum vereinigt
Gemeindegliederzahl: 167
Kirche vom Ende des 13. Jahrhunderts;
Ursprünglich kreuzförmige Anlage, Abbruch der Querarme im 17. Jahrhundert
Turm 1850
Sandsteintaufe, 13. Jahrhundert
Barocke Kanzel um 1690
Abendmahlsbecher von 1586
Gemeindehaus von 1990

Holthusen:
2 Pfarrstellen (2. Pfarrstelle mit Dienstauftrag)
Gemeindegliederzahl: 2368
Kirche von 1882
Gemeindezentrum von 1973, erweitert und modernisiert 1994

Jemgum:
Pfarrstelle mit Böhmerwold und Marienchor vereinigt
Gemeindeglieder: 1342
Kirche von 1930
Der Vorgängerbau wurde zu Beginn des gleichen Jahres durch einen Brand zerstört. Der leuchtturmartig gebaute Turm von 1846 blieb erhalten, 35 m hoch, Schiffswetterfahne von 1846, kupfervergoldet, Bark mit gesetzten Segeln, Schiffsrumpf Hohlkörper, 80 cm lang und 96 cm hoch
2004 ein weiterer Brand des Kirchenschiffs
Aufbau nach den historischen Plänen von 1930
mit Wiederherrichtung der originalen Innenausstattung
Brotteller von 1742
Gemeindehaus von 1820 (erneuert)

Kirchborgum:
Pfarrstelle mit zwei Auflagen (Ev.-ref. Kirchengemeinde Vellage, Krankenhausseelsorge im Borromäushospital, Leer)
Gemeindeglieder: 177
Kirche von 1827
Orgel von 1877
Besonderheit: von Mai bis Oktober täglich "offene Kirche", zeitweise auch mit Ausstellungen

Klein-Midlum:
Pfarrstelle mit Hatzum und Critzum vereinigt
Gemeindegliederzahl: 288
Kirche um 1259
Bemerkenswerter Glockenturm mit Arkadenbogen in den beiden Obergeschossen
Orgel von 1766
Abendmahlskelch von 1643
Gemeindehaus von 1980

Landschaftspolder:
Pfarrstelle mit Ditzumerverlaat vereinigt
Gemeindeglieder: 63
Kirche von 1768
Abendmahlsbecher von 1800
Orgel von 1915

Marienchor:
Pfarrstelle mit Jemgum und Böhmerwold vereinigt
Gemeindeglieder: 43
Kirche von 1668

Möhlenwarf:
1 Pfarrstelle
Gemeindegliederzahl: 1862
Gemeindegründung 1905
Fertigstellung von Kirche und Pfarrhaus 1909
Die im Empirestil gebaute Kanzel stammt aus der franz.-ref. Kirche in Emden
1978 Umbau des Pfarrhauses zum Gemeindehaus
1997 Erweiterung des Gemeindehauses

Oldendorp-Nendorp:
Pfarrstelle mit Ditzum vereinigt
Gemeindeglieder: 251

Oldendorp:
Kirche 13. Jahrhundert
Kanzel von 1645
Orgel von 1870
Abendmahlsbecher von 1675

Nendorp:
Kirche von 1820 (Vorgängerin als Holzkirche an selbem Platz)
Kanzel von 1645
Abendmahlsbecher von 1668
Westturm von 1754

Stapelmoor:
1 Pfarrstelle
Gemeindegliederzahl: 2137
Kirche um 1300, die einzige in einem Bauvorgang errichtete Kreuzkirche in Ostfriesland, mit Westturm. Alle Joche überwölbt, Flächen mit ursprünglicher Ausmalung
Sandsteintaufe 13. Jahrhundert
1994 Replik der französischen Barockorgel von Houdon ( Cliquot 1734 )
Pfarrhaus von 1429 ( Inschrift )
Gemeindehaus von 1979

St. Georgiwold:
Pfarrstelle vereinigt mit Weenermoor
Gemeindegliederzahl: 68
Kirche von 1689 (Erneuerung 1960)
Abendmahlsbecher von 1731
Kanne von 1838

Vellage:
Pfarrstelle als Auflage zur Pfarrstelle Kirchborgum
Gemeindeglieder: 294
Kirche um 1400, Reste der ursprünglichen Ausmalung, die Kreuztragung darstellend
Orgel von 1885
Zwei alte Brotteller, die bemerkenswertesten Zinnteller Ostfrieslands
Besonderheit: von Mai bis Oktober täglich "offene Kirche"

Weener:
2 Pfarrstellen
Gemeindegliederzahl: 3533
Kirche um 1250, polygonaler Chor 1462, Anbau 1893
Glockenturm von 1738
Arp-Schnitger Orgel von 1710, von Johann Friedrich Wenthin erweitert um 1800
Renaissance-Kanzel aus der 1. Hälfte des 17. Jahrhundert
Abendmahlstisch und -bank von ca. 1640
Zwei Abendmahlsbecher von 1613 und 1614
Älteste (romanische und gotische) Grabplatten Ostfrieslands
Pfarrhaus von 1889
Gemeindehaus von 1956, ehemaliges Pfarrhaus von 1853

Weenermoor:
Pfarrstelle vereinigt mit St. Georgiwold, zwei Auflagen (Betreuung Altenzentrum in Weener, Krankenhausseelsorge im Krankenhaus Rheiderland, Weener
Gemeindegliederzahl: 339
Kirche von 1824
Glockenturm von 1867
Gemeindehaus von 1900 (Anbau 1987)
Abendmahlskanne von 1884
Pneumatische Rohlfing-Orgel von 1906

Wymeer:
Pfarrstelle mit Auflage (9,5 Wochenstunden Arbeit in der Gemeinde Stapelmoor)
Gemeindegliederzahl: 986
Kirche von 1866
Orgel von 1888
Abendmahlsbecher von 1863
Gemeindehaus von 1980
Leichenhalle von 1994

3) Leben in den Gemeinden

Der ältere Pietismus und die Erweckungsbewegung des 19. Jahrhunderts haben die Frömmigkeit und das Gemeindeleben in vielen Gemeinden im Synodalverband Rheiderland in bis heute spürbarer Weise beeinflusst. Daraus sind die Landeskirchliche Gemeinschaft in Weener und einzelne Bibelstundenkreise erwachsen. Im Allgemeinen besteht eine sehr gute Zusammenarbeit zwischen den reformierten Gemeinden und den pietistischen Kreisen wie auch zwischen den reformierten Gemeinden und den Gemeinden anderer Konfessionen. Trotz der räumlichen Nähe und Begrenztheit ist die Situation der Gemeinden im Synodalverband Rheiderland sehr unterschiedlich. Kirchliches Leben und gemeindliche Arbeitsmöglichkeiten sind wegen der sehr verschiedenen Gemeindegrößen (zwischen 100 und 3800 Gemeindegliedern) recht uneinheitlich.

Die nördlichen Gemeinden des Rheiderlandes gehören hauptsächlich zu Orten, die durch die Landwirtschaft geprägt sind. In diesem Teil des Rheiderlandes befinden sich überwiegend kleine und kleinste Gemeinden. Die starke Freisetzung von Arbeitskräften aus der Landwirtschaft Mitte des letzten Jahrhunderts sowie fehlende andere Arbeits- und Ansiedlungsmöglichkeiten haben zu einem deutlichen Bevölkerungsverlust geführt, der sich auf die mittlere und jüngere Generation bis heute ausgewirkt hat. Auf Grund der wirtschaftlichen Veränderungen in den letzten Jahrzehnten und der daraus folgenden Bevölkerungsumlagerung nehmen die Gemeindegliederzahlen dort kontinuierlich ab. Viele Formen der Gemeindearbeit lassen sich daher in diesen kleinen Orten aus Gründen fehlender Einwohner oder durch den Arbeitsablauf der Landwirtschaft bzw. das Auspendeln der Arbeitskräfte in die Städte Leer, Emden und Papenburg oder bis ins Ruhrgebiet hinein nur bedingt durchführen. Doch ist gerade in den kleineren Orten der Gottesdienstbesuch prozentual oft erstaunlich ausgeprägt. Ein Besuch des Pastors bzw. der Pastorin wird gerne gesehen und gewünscht. Die Zugehörigkeit zur Gemeinde wird erst in letzter Zeit vereinzelt bewusst in Frage gestellt. Die krassen sozialen Unterschiede zwischen Landwirten und Landarbeitern in früherer Zeit wirkten lange spürbar in das Gemeindeleben hinein. Oft entstand eine untergründig vorhandene Konfliktgefahr. Viele Ansätze haben in den letzten Jahren dazu geführt, wieder zu einem erneuerten Miteinander in den Gemeinden zu kommen. In neuerer Zeit ist der Tourismus für das nördliche Rheiderland zu einem bestimmenden Faktor geworden, der bis hinein in die kirchliche Arbeit wirkt. Die Urlauberseelsorge wurde Auflage der Pfarrstelle der Kirchengemeinde Ditzum.

Die südlichen Gemeinden gehören fast alle zu größeren, weiter anwachsenden Orten. Die Kirchlichkeit der Bevölkerung ist teilweise ebenso stark, gelegentlich noch stärker ausgeprägt als im nördlichen Rheiderland. Im allgemeinen besteht eine gute Ansprechmöglichkeit der Menschen für die Gemeinde. Man bemüht sich mit gutem Erfolg um die Integration der zuziehenden Menschen in das Gemeindeleben wie auch in die Lebensgemeinschaft des Dorfes. Trotzdem sind die Gemeindegliederzahlen - wie im nördlichen Rheiderland - weitestgehend rückläufig.

In vielen Gemeinden des Synodalverbandes Rheiderland sind neben den Mitglieder des Kirchenrates und der Gemeindevertretung auch eine große Anzahl anderer Gemeindeglieder aktiv am Gemeindeleben beteiligt. Sie arbeiten eigenverantwortlich in der Jugend- und Seniorenarbeit sowie im Bereich der Diakonie. Die Bereitschaft zur aktiven und bewussten Beteiligung am Leben der eigenen Gemeinde und an der Verbindung der Gemeinden untereinander wuchs in den letzten Jahren kontinuierlich an.

Besondere ökumenische Kontakte im Synodalverband Rheiderland bestehen zwischen der Gemeinde Möhlenwarf und der Gemeinde in Arles in Rumänien. Die Gemeinde Holthusen pflegt eine Partnerschaft zur New World Foundation in Lavender Hill bei Kapstadt, Südafrika.

Im Bereich des Synodalverbandes Rheiderland werden ehrenamtlich Weltläden in den Orten Bunde und Weener betrieben. Die Kirchengemeinden dieser Orte - wie der gesamte Synodalverband - unterstützen das Anliegen des fairen Handels.

Am Himmelfahrtstag und am 27. Januar, dem Erinnerungstag an die Opfer des Holocaust, kommen die Gottesdienstbesucher aus allen Gemeinden im Synodalverband Rheiderland zu einer gemeinsamen Gottesdienstfeier zusammen.

Die diakonische Arbeit innerhalb der Gemeinden hat teilweise umfangreichen Charakter z.B. in der Arbeit mit alkoholkranken Menschen oder mit Behinderten. Seit 1974 gibt es den Verein für Körperbehinderte und ihre Freunde im Landkreis Leer e.V., der in Bunde eine Wohnstätte mit Pflegetrakt und eine Begegnungsstätte unterhält.

Fast alle Gemeinden des Synodalverbandes sind seit 1974 mit anderen Gemeinden des Rheiderlandes und Einzelpersonen zusammengeschlossen zum Diakonieverband Rheiderland, der in Weener ein Altenwohn- und Pflegeheim unterhält. Das Altenzentrum Rheiderland wurde im August 1977 in Betrieb genommen und im Jahr 2000 modernisiert und umstrukturiert. Es verfügt über 28 Plätze im Doppelzimmer, 40 Plätze im Einzelzimmer, 8 Apartments für betreutes Wohnen, 12 Altenwohnungen und eine Altenbegegnungsstätte. Alte, chronisch kranke, geriatrisch / psychiatrisch veränderte und pflegebedürftige Menschen werden hier umfassend betreut, gepflegt und versorgt.

Im Bereich der Kommunalgemeinden Bunde und Jemgum sowie der Stadt Weener besteht je eine Diakoniestation, in denen die Arbeit der ehemaligen Schwesternstationen, die einmal sämtlich in kirchengemeindlicher Trägerschaft waren, zusammengefasst und ergänzt ist. Beide Diakoniestationen betreiben gemeinsam den Dienst "Essen auf Rädern".

Die Gemeinden im Synodalverband Rheiderland sind durch die Mitgliedschaft und Sammlungen bzw. Spenden dem Krankenhaus Rheiderland e.V. in Weener verbunden. Das Rheiderland-Krankenhaus wurde im Jahr 1879 als Verein gegründet, der heute ca. 3000 Mitglieder hat. Das Krankenhaus hat gegenwärtig 72 Betten. In dem überschaubaren Rahmen eines kleinen Krankenhauses erbringen die Mitarbeiterinnen und Miterbeiter eine patientenorientierte Medizin auf hohem Niveau.

Unter dem Dach des Diakonischen Werkes des Synodalverbandes Rheiderland sind verschiedene weitere Tätigkeitsfelder angesiedelt. Da gibt es zum einen das Projekt "Hilfe zur Arbeit", in dem fünf Langzeitarbeitlose auf den Friedhöfen der reformierten Gemeinden eine Beschäftigung finden. Des weiteren sind da die ambulanten Dienste und die "Kleiderkammer" in Weener, in der sich Bedürftige mit einwandfreier Gebrauchtkleidung versorgen können. Neben diesen traditionellen Aufgabenbereichen hat in den zurückliegenden Jahren drastische der Arbeitsanfall der Schuldnerberatungsstelle zugenommen. Die Schuldnerberatung im Landkreis Leer liegt seit dem Jahr 2001 (gemeinsam mit dem IV. Synodalverband) ganz in kirchlicher Verantwortung.

Mit einem Bestand von mehr als 300 historischen Orgeln und Orgelprospekten aus 6 Jahrhunderten ist die Ems-Dollart-Region die reichste Orgellandschaft der Welt. Um 1700 hat Arp Schnitger, die dominierende Persönlichkeit in der Orgelgeschichte Nordeuropas, auch der Region um den Dollart seinen Stempel aufgedrückt. Er errichtete hier über 20 Werke, von denen fast die Hälfte, insbesondere die großen Instrumente, erhalten geblieben sind und in den letzten Jahren restauriert wurden. Die Arp-Schnitger-Orgel in der evangelisch-reformierten Kirche in Weener stammt aus dem Jahr 1710. Die seit Jahrhunderten bestehende enge kulturelle Verbindung zur benachbarten niederländischen Provinz Groningen wird seit 1981 durch das Dollartfestival neu belebt, in dem Kontinuität der Orgelkultur aus sechs Jahrhunderten hörbar gemacht wird.

Martin Schneider

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